Atradius MarktMonitor für die IKT-Branche

Weiterhin vielfältige Forderungsrisiken für Lieferanten von Elektronikunternehmen

Atradius sieht weiterhin erhebliche Zahlungsrisiken bei Abnehmern aus der Informations- und Kommunikationstechnikbranche (IKT) in Deutschland. In den vergangenen Monaten ist die Summe der zu spät bezahlten Forderungen, die Lieferanten und Dienstleister der Branche dem Kreditversicherer gemeldet haben, spürbar gestiegen. Für die kommenden sechs Monate rechnet Atradius damit, dass die Zahlungsverzögerungen und Insolvenzen in dem Bereich weiter zunehmen. Das geht aus dem aktuellen MarktMonitor des Kreditversicherers für die Branche hervor.

„Eine ganze Reihe von Faktoren erhöht derzeit den Druck auf die Liquidität der deutschen IKT-Unternehmen, insbesondere von kleinen und mittelständischen. Für die Lieferanten und Dienstleister der Branche besteht deshalb ein hohes Risiko, dass ihre Rechnungen nicht bezahlt werden – trotz Umsatzzuwachs und entgegen dem Trend rückläufiger Insolvenzzahlen in Deutschland insgesamt“, sagt Michael Karrenberg, Regional Director Risk Services Germany, Central, North, East Europe & Russia/CIS von Atradius. „Wir empfehlen Unternehmen, die Bonität jedes Abnehmers genau zu prüfen und Forderungen gut abzusichern, um Zahlungsausfällen sicher aus dem Weg zu gehen.“

Die Zahl der Insolvenzen von deutschen IKT-Firmen stieg 2017 um 1,5 %, während die Firmenpleiten in Deutschland insgesamt um mehr als 6 % zurückgingen.

Hintergrund: Harter Wettbewerb lässt Margen schrumpfen 

Der deutsche IKT-Markt wird von wenigen großen Konzernen dominiert, daneben existiert eine Vielzahl an mittelständischen Unternehmen. Diese stehen mit ihren Produkten und Services häufig in einem harten Wettbewerb untereinander. So bleiben die Margen – trotz einer insgesamt soliden Nachfrage – in allen Teilbereichen weiterhin gering. Die Eigenkapitalausstattung der Unternehmen ist zudem meistens unterdurchschnittlich.

Der Konsolidierungstrend in der Branche hält vor diesem Hintergrund weiter an. Unternehmen sind gezwungen, mit dem rasanten Fortschritt mitzuhalten und neue Produkte immer schneller zur Marktreife zu bringen. „Wenn sie nicht in Nischenbereichen etabliert sind, bleiben kleinere Unternehmen am häufigsten die Verlierer in diesem Verdrängungswettbewerb. Von ihnen geht ein erhöhtes Forderungsrisiko aus“, sagt Michael Karrenberg.

Risiken durch Umsatzsteuerkarusselle und Abgaben an Verwertungsgesellschaften

Darüber hinaus sind in der IKT-Branche die Liquiditätsrisiken aufgrund so genannter Umsatzsteuerkarusselle weiterhin hoch (siehe Atradius-Pressemitteilung vom 27. Juni 2017).  Von den Ermittlungs- und Strafmaßnahmen der Steuerbehörden, die im Zusammenhang mit dem Betrugsmuster ergriffen wurden, waren in den vergangenen zwei Jahren vermehrt Groß- und Einzelhändler von Unterhaltungselektronik betroffen – in Deutschland und vor allem in Osteuropa. Die Maßnahmen reichen von Pfändungen über eingefrorene Konten bis hin zur Untersuchungshaft von Mitarbeitern, werden häufig schon im Verdachtsfall implementiert und können die finanzielle Basis von Unternehmen schnell zerstören. Gefahr droht den IKT-Firmen dabei von zwei Seiten: Zum einen können sie völlig ohne Vorzeichen einen Zahlungsausfall erleiden, wenn einer ihrer Abnehmer aus der Branche in das Visier der Behörden gerät und kurzfristig zahlungsunfähig wird. Gleichzeitig können Elektronikhändler selbst schnell und ohne eigene Kenntnis in ein solches Karussell hineingeraten und zum Opfer der behördlichen Maßnahmen werden.

Atradius weist außerdem auf drohende Liquiditätsengpässe bei IKT-Firmen hin, die die Vergütungsansprüche von Verwertungsgesellschaften nicht bezahlen und damit die gesetzlich geregelte Abgabe verweigern. In jüngster Vergangenheit kam es hierdurch vereinzelt zu Zahlungsausfällen, nachdem die Staatsanwaltschaft Firmenkonten bei säumigen Unternehmen sperrte.

Individuelle Prüfung der Abnehmer

Aufgrund der genannten Faktoren bewertet Atradius das Forderungsrisiko in der deutschen IKT-Branche derzeit insgesamt neutral bis vorsichtig. „Wir prüfen jeden Abnehmer unserer Versicherungsnehmer individuell auf Basis von Finanzkennzahlen und weiteren Daten“, erläutert Michael Karrenberg. „Die IKT-Branche ist eine sehr schnelllebige Branche mit derzeit starkem Preisverfall. Aufgrund des erhöhten Schadenaufkommens in jüngster Vergangenheit schauen wir uns die Unternehmen umfassend an, unter anderem auch mithilfe von vorläufigen Zahlen, Informationen über Cash-Reserven oder Übersichten über Kreditlinien. Darüber hinaus prüfen wir auch die Innovationsfähigkeit der Unternehmen.“

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