Lesen sie jetzt das Interview mit Dr. Christine Lemaitre

Der Klimawandel ist eine der größten Bedrohungen unserer Zeit – um die Erderwärmung zu begrenzen, sind wir alle gefragt. Der Immobiliensektor hat dabei ein großes Potenzial: Allein in Deutschland verursacht er mehr als ein Drittel des Energieverbrauchs und rund 30 Prozent der CO2-Emissionen. Mit Blick auf CO2-neutrales Bauen und Wohnen erläutert Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) die Hintergründe, Chancen und Herausforderungen.

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Deutschland soll bis 2050 klimaneutral sein – so der Klimaschutzplan der Bundesregierung. Welche Rolle spielt der Wohngebäudesektor mit seinen Millionen Häusern und Wohnungen dabei?

Laut der Deutschen Energie-Agentur (dena) haben wir derzeit knapp 22 Millionen Gebäude, 19 Millionen davon sind Wohngebäude. All diese Immobilien sind für mehr als ein Drittel des Energieverbrauchs in Deutschland verantwortlich. Bemerkenswert dabei: Mehr als drei Viertel des Energieverbrauchs geht auf die Bereitstellung von Raumwärme zurück, gefolgt von Warmwasser, Beleuchtung und Klimakälte. Die Zahlen der dena zeigen ganz deutlich: Die Sanierung des Gebäudebestands hin zu einem in Summe klimaneutralen Betrieb ist die wesentliche Aufgabe, um die deutschen Klimaziele zu erreichen.

Grafik Energieverbrauch

Was denken Sie, ist es realistisch bis 2050 klimaneutrales Bauen und Wohnen umzusetzen?

Ja, auf jeden Fall. Ob es dann die rechnerische Null in Bezug auf die CO2-Emissionen ist oder gar das klimapositive Gebäude, hängt letztlich davon ab, wie systematisch und vor allem zielorientiert vorgegangen wird. Klimapositiv ist ein Gebäude laut DGNB dann, wenn es bezogen auf ein Jahr mehr erneuerbare – also CO2-freie – Energie selbst produziert, als es verbraucht und damit in Summe eine negative CO2-Bilanz hat.

Damit wir den Gebäudebestand in die Klimaneutralität führen können, brauchen wir eine Monitoring-Verpflichtung der Energieverbräuche. Auf dieser Grundlage können dann Klimaschutzfahrpläne erstellt werden, die Gebäude Schritt für Schritt in die Klimaneutralität führen. Beim Klimaschutz geht es nicht darum, alles auf einmal zu machen. Vielmehr kann der Betrieb durch die regelmäßige Evaluierung der Daten und sorgfältig geplante bauliche Maßnahmen Schritt für Schritt optimiert werden.

Um die Klimaziele zu erreichen, spielt die Modernisierung von Millionen älterer Wohngebäude eine zentrale Rolle. Dämmen, Fenster austauschen, neue Heizsysteme einbauen – diese Maßnahmen sind teuer. Wie lässt sich das finanzieren?

Wir brauchen zunächst eine ehrliche Transparenz, um zu verstehen, wo und in welchem Umfang bauliche Maßnahmen richtig und sinnvoll sind. Dann geht es darum, die im Klimaschutzfahrplan definierten Maßnahmen mit einer zielorientierten Förderung umzusetzen. Zentrales Thema ist hier wiederum die Qualitätssicherung durch die jährliche Erfassung der Energieverbräuche.

Was denken Sie – wie lassen sich die Eigentümer am besten motivieren, um ihre eigenen vier Wände energetisch auf den neuesten Stand zu bringen und zu modernisieren?

Das ist die zentrale Frage, auf die es leider keine allumfassende Antwort gibt. Ich denke es geht darum, den Spagat zwischen Fördern und Fordern zu schaffen. Sobald die Energiepreise ansteigen und eine höhere CO2-Steuer eingeführt wird, ändert sich natürlich auch die Frage der Wirtschaftlichkeit. Entscheidend ist aber auch die Einbindung der Eigentümer. Anstatt jedes Gebäude in ein starres Korsett zu zwängen, sollten Eigentümer über die Hintergründe und Möglichkeiten informiert und in kleinen Schritten gefördert werden. Das motiviert und nimmt die Sorgen, die eine pauschale Komplettsanierung mit sich bringen kann.

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Grafik CO2

Darüber hinaus sind die mit dem Bauen verbundenen Gesundheitsthemen noch nicht im breiten Bewusstsein der Gesellschaft angekommen. Noch wägt sich ein Großteil in der sicheren Gewissheit, dass die Gesetzgebung darauf achtet, dass keine schädlichen Emissionen in Bauprodukten zu finden sind. Das ist zu einem gewissen Grad auch so, aber eben nur in Hinblick auf den worst case – als Sicherheitsschranke, um das Schlimmste zu verhindern. Fragt man Baubiologen und Experten, so haben wir in der Verbesserung der Produkte noch viel Luft nach oben. Und ein genauer Blick auf die Inhaltsstoffe ist wichtig.

Was sind aus Ihrer Sicht die drei wirksamsten Hebel für diejenigen, die bereits ein älteres Haus besitzen oder diejenigen, die neu bauen, um die CO2-Emissionen im Gebäudesektor zu reduzieren?

Einer der größten Hebel beim Bauen ist das Thema der Suffizienz, das heißt nur das bauen, was man wirklich braucht. Im Bestand zeigt sich Suffizienz im Erhalt von Bausubstanz, zum Beispiel durch An- und Umbauen. Grundsätzlich geht es aber auch darum, sich mit den eigenen Anforderungen und dem angemessenen Maß an benötigter Fläche auseinanderzusetzen.

Ein zweiter Punkt ist die Erzeugung erneuerbarer Energie am eigenen Standort und Maßnahmen zur Energieeffizienz. Dabei geht es jedoch nicht nur um Dämmmaßnahmen oder neue Heizanlagen, sondern auch um die Verbräuche der Nutzung – also zum Beispiel Elektrogeräte, die oft einen enormen Anteil am Energieverbrauch haben.

Nicht zuletzt stehen wir mit dem Klimawandel vor der Herausforderung der Überhitzung. Sinnvolle und wichtige Maßnahmen sind also externer Sonnenschutz, die bewusste Ausrichtung des Gebäudes und die Bepflanzung des Außenbereichs. Künstliche Kühlung, gerade im Wohnungsbau, sollte auf jeden Fall vermieden werden. Auch hier ist das Stichwort „Angemessenheit“.

Auch auf europäischer Ebene wird eine Renovierungswelle gefordert. Sind Ihnen positive Beispiele aus anderen Ländern bekannt, von denen wir in Deutschland lernen können?

Die Umstellung auf die Zielgröße CO2 und damit die Einbeziehung der CO2-Emissionen aus der Herstellung der Produkte verläuft beispielsweise in Frankreich deutlich dynamischer. Grundsätzlich müssen wir in Deutschland endlich unserer Vorbildrolle gerecht werden und uns vom Bedenkenträgertum lösen. Wir haben das Wissen und die Technologien, wir müssen es einfach nur tun. Wir können doch schon großartige und klimapositive Gebäude planen und bauen, das ist doch eine tolle Nachricht und sollte alle viel mehr zum Tun motivieren!

Die Fragen stellte Kathrin Milich, Pressesprecherin für Nachhaltigkeit bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall (März 2021).