Fazit: Wachstumsprognosen für die deutsche Wirtschaft basieren sehr stark auf der Annahme von Aufholeffekten in den kommenden Quartalen. Konjunkturdaten, wie das aktuelle ifo Geschäftsklima oder die BIP-Komponenten bestätigen diese Erwartung. Insbesondere der private Konsum sollte nach dem tiefen Absturz eine schnelle und starke Belebung zeigen. Die aktuell weniger dynamische Aufhellung der Unternehmenserwartungen sollte nicht überbetont werden, da sich die aktuelle Lage erneut deutlich verbessert hat und die grundsätzliche Stimmungsaufhellung bereits ein hohes Niveau erreicht hat. Die IKB erwartet einen BIP-Rückgang um 6,7 % im laufenden Jahr, gefolgt von einem Wachstum von über 5 % im Jahr 2021. 
 

Was geschehen ist, …

Das deutsche-BIP ist im zweiten Quartal preis-, saison- und kalenderbereinigt um 9,7 % eingebrochen – ein etwas geringerer Rückgang als das Statistische Bundesamt in der ersten Schätzung (-10,1 %) erwartet hatte. Zwar fällt dieser Absturz immer noch deutlich stärker als in der Finanzkrise (Rückgang um 4,7 % im ersten Quartal) aus. Er ist jedoch im europäischen Vergleich und angesichts der Herausforderungen durch die Coronakrise relativ überschaubar. In Großbritannien, die wirtschaftlich am Stärksten betroffene, große europäische Volkswirtschaft, war der BIP-Rückgang mit rund 20 % im zweiten Quartal deutlich ausgeprägter. Aber auch Spanien (Rückgang von über 18 %), Frankreich (rund 14 %) und Italien (über 12 %) zeigten nie dagewesene wirtschaftliche Einbrüche. Während für Deutschland mit einem spürbaren Aufholeffekt im dritten und vierten Quartal 2020 gerechnet wird, könnte dieser in Ländern mit einem bedeutenden Tourismussektor deutlich weniger stark ausfallen. Der Tiefpunkt bei der BIP-Entwicklung mag deshalb für Länder wie Spanien noch nicht erreicht sein. Europa ist weit von einer synchronen und sich gegenseitig verstärkenden Konjunkturerholung entfernt.
Nicht überraschend hatten im zweiten Quartal – mit Ausnahme des staatlichen Konsums – alle bedeutenden Komponenten des deutschen BIP deutliche Rückgänge zu verzeichnen:

  • Privater Konsum: -10,6 %. Die Entwicklung des privaten Konsums verläuft grundsätzlich weniger volatil als die der Exporte oder Investitionen. Somit ist der heftige Einbruch im zweiten Quartal beispiellos. Er zeigt aber auch das Erholungspotenzial für die nächsten Quartale. Die deutschen Konsumenten waren infolge des Lockdowns zum Sparen gezwungen, was in Verbindung mit einer sinkenden Risikoaversion zu einer zügigen Normalisierung im privaten Konsum führen sollte. Über kurzfristige Aufholeffekte hinaus wird es allerdings vor allem von der Entwicklung des deutschen Arbeitsmarkts abhängen, wie schnell der private Konsum seinen Wachstumspfad wieder aufnehmen wird. Dennoch ist der private Konsum eine stabile Stütze für den erwarteten Aufholprozess im dritten und vierten Quartal 2020.
  • Ausrüstungsinvestitionen: -19,6 %. Angesichts des BIP-Absturzes ist der Einbruch nicht überraschend. Allerdings sind die Ausrüstungsinvestitionen infolge der schwachen Entwicklung der deutschen Industrieproduktion bereits seit dem zweiten Quartal 2019 rückläufig. Von daher ist für das dritte Quartal 2020 eher mit einer Stabilisierung zu rechnen als mit einer Aufholung. Doch auch ein weiterer Rückgang der Ausrüstungsinvestitionen ist nicht auszuschließen.
  • Exporte: -20,3 %. Auch dieser Einbruch war aufgrund des Lockdowns und globaler Konjunkturentwicklungen nicht überraschend. Im dritten Quartal sollte der Export jedoch wieder zulegen, unter anderem, weil wichtige Handelspartner wie China zu einer weitgehenden Normalität zurückgekehrt sind. Die schwache globale Konjunktur der Industrie hat bereits seit dem vierten Quartal 2019 zu einem Rückgang der Exporte geführt. Insgesamt liegen die Ausfuhren preis-, saison- und kalenderbereinigt fast ein Viertel unter dem Niveau von vor einem Jahr. Hier haben die Angebots- sowie Absatzprobleme der Automobilindustrie sicherlich eine besondere Rolle gespielt.
  • Staatsausgaben: +1,5 %. Da bei den Staatsausgaben keine Transferzahlungen in der BIP-Rechnung berücksichtigt werden, werden die Stützungsmaßnahmen nicht ausreichend gespiegelt. Sie mögen eher in der zukünftigen Konsumentwicklung des Staates zu sehen sein. Die staatlichen Ausgaben sollten auch in der zweiten Hälfte 2020 weiter zulegen und Erholung bzw. Aufholeffekte stärken.
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