Gastbeitrag von: Holger Beitz, CEO PrismaLife AG bei ProExpert24 dem Expertenmagazin.

 
Der deutsche Ex-Aussenminister und Vizekanzler Joschka Fischer warnt in einem Gastbeitrag im Handelsblatt davor, im Umgang mit der Corona-Krise eine kurzfristig-pragmatische Perspektive einzunehmen. Er prognostiziert, dass das Jahr 2020 der Beginn einer großen Transformationswelle sein könnte – und sollte.
Tatsächlich führt die Pandemie uns einmal mehr vor Augen, dass weder der Einzelne, noch Unternehmen, Staaten oder Regierungen in der Lage sind, sich allen Restriktionen unserer Umwelt zu entziehen.
Die Reaktion auf die Pandemie zeigt aber auch, dass unser Verhalten extremen Einfluss auf die Umwelt und Lebensbedingungen hat. Die Smog-Belastung ging zurück, weniger Verkehr, klareres Wasser oder weniger Lärm sind Beispiele dafür. Natürlich sind diese Effekte nicht einfach verlängerbar, wenn unser Wirtschafts- und Sozialsystem nicht zusammenbrechen soll. Aber die Erkenntnis, dass wir uns bewusster und verantwortlicher mit der Frage auseinandersetzen müssen, welche ungewollten und für uns selbst nicht unmittelbar spürbaren Konsequenzen unser Handeln hat, wird uns angesichts der Krise und ihrer wahrscheinlich langfristigen Folgen in neuer Weise deutlich.
Von der Pull- zur Push-Strategie
Doch wie kommen wir weg von diesen alten Mechanismen, uns primär um die offensichtlichen und weniger um die grundsätzlichen Probleme zu kümmern? Natürlich können wir versuchen, den Änderungsbedarf intellektuell zu begründen. Doch Erkenntnis allein reicht nicht aus, um das eigene Handeln zu verändern. Denn es fällt oft schwer, sein Verhalten zu ändern, weil der Beitrag dieser Verhaltensänderung für die Erreichung des grossen Ziels kaum spürbar ist.
Erfolgversprechender erscheinen da Maßnahmen, die «systemkonform» sind, also praktische, betriebswirtschaftliche Mechanismen nutzen, die langfristige Aspekte berücksichtigen oder sogar monetarisieren. Für die Versicherungsindustrie, insbesondere die Lebensversicherung ist die langfristige Perspektive unabdingbarer Teil des Geschäftsmodells. Nicht zuletzt unter Risikoaspekten erfordert diese langfristige Perspektive eben auch die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien.
Eine Konsequenz daraus ist, dass Nachhaltigkeit zur aktiven Säule der Unternehmensstrategie werden muss. So lange Nachhaltigkeit «nur» ein nettes Add-On der Unternehmenspolitik ist, wird es schwach bleiben. Wenn aber Investoren und wichtige Geschäftspartner ihr Engagement von der Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens abhängig machen, entsteht Druck, sich zu verändern, um die «Licence to operate» langfristig zu erhalten.
Umgekehrt bedeutet das, dass Investments viel stärker als bisher anhand ihrer fundamentalen Zukunftsfähigkeit beurteilt werden müssen. Und es liegt nahe, dass es Renditeunterschiede geben muss, zwischen nachhaltig-zukunftsfähigen Unternehmen und solchen, deren Ausfallrisiken unter ESG-Gesichtspunkten weiter steigen.
Dieser Perspektivwechsel bei der Planung von Unternehmensstrategien und Investitionen ist in vollem Gange. Wenn nicht-nachhaltige Geschäftsmodell gemieden und nachhaltige bevorzugt werden, entsteht Innovations- und Transformationsdruck, angetrieben von schlichten betriebswirtschaftlichen, risikotheoretischen Überlegungen. In diesem Fall ist das ein positiver «Teufelskreis».
Die gleichen Überlegungen sind auch für die Kunden bei der Planung und Gestaltung von Vorsorge und Vermögensaufbau relevant. Wir sind überzeugt, dass es dabei nicht ausreicht «nachhaltige Produkte» anzubieten, sondern dass auch die Anbieter selbst glaubwürdig an einem nachhaltigen Geschäftsmodell arbeiten. Nur dann lassen sich Kunden bzw. Anleger überzeugen.
Kommen wir zurück auf die Corona-Krise: Wir können – und müssen – weiterhin und jeden Tag neu nach dem besten Umgang mit der Pandemie suchen. Aber Joschka Fischer hat auch Recht: sie ist ein Weckruf zur rechten Zeit und verlangt von den Menschen, zu ihrer Verantwortung zu stehen. Wir müssen die mit der Krisenbekämpfung verbundenen massiven Interventionen so steuern, dass wir einen langfristigen Vorteil davon haben. Vorrang brauchen Maßnahmen, die echten Innovations- und Investitionscharakter haben, und so wiederum Anreize für nachhaltiges Verhalten schaffen.

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