Fazit:Die Weltkonjunktur bewegt sich relativ schnell in dienächste Phase derCorona-Ausbreitung. In Anbe-tracht fehlgeschlagener Eingrenzungen in China ist nun eine Rückkehr zurNormalität notwendig –zumindest was das VerarbeitendeGewerbe angeht. Der Einfluss des Virus wird sich wahrscheinlichin den folgenden Monaten immer weniger in stillstehenden Fabriken als vielmehr in Verhaltensänderungen der Bevölkerung zeigen. Eine erhöhte Risikoaversion ist wünschenswert und zu erwarten, wirdjedoch vor allemTeile desDienstleistungssektorsempfindlich treffen.
 
Zinssenkungen von Notenbanken helfen in einem Umfeld erhöhter Unsicherheit nur wenig. Gefragt sindviel-mehr die Fiskalpolitiksowie ein langer Atem der deutschen Industrie.
 
Es wird immer unsicherer, ob sichdas Coronavirus eindämmen lässt und die Implikationen für die Weltwirtschaft berechenbar sind. Auch die Erwartung, dass es die chinesische Wirtschaft vor allem im ersten Quartal2020treffen wird, sich danach aber deutliche Aufholeffekte zeigen, wird zunehmend angezweifelt. Gleiches gilt für die Hoffnung, dass negative Impulse für die Weltkonjunktur in erster Linieaus China zu erwarten sind. So wird eine Revisiondes gesamten Konjunkturausblicksfür 2020 immer notwendiger –sowohlfür China alsauch für die Weltwirtschaft. Die Finanzmärkte sind ebenfalls zunehmend in Sorge, dass der Virus mittel-bis langfristige Folgen haben könnte. Ist dies aktuell nur alles Übertreibung?
 
Der Versuch der chinesischen Behörden, den Virus durch Abkapselung betroffener Gebiete einzudämmen und somit relativ schnell wieder zu einer Normalität im Wirtschaftsleben zurückkehrenzu können, ist angesichtsder globalen Ansteckungszahlen gescheitert. Was nun? Die Wirtschaft lahmzu legen ist eineNot,aber sicherlich kein Dauerzu-stand. Um gravierende Verwerfungen und Engpässe zu verhindern, muss nun,trotz der weiterhin steigenden Infektionen,eine Rückkehr zur Normalität stattfinden,zumindest was die Güterproduktion angeht. Gleichzeitig ist beiPanikverhalten –wie es die Finanzmärkte bereits zeigen –Deeskalationnotwendig. Behörden in China,aber auch weltweit weisendeshalb darauf hin, wie man sich zu verhalten hat, um eine Infektion zu vermeiden. Auch dürfteeine Rückkehr zur bzw. die Beibehaltung der Normalität gefördertwerden, um negative wirtschaftliche Konsequenzen einzudämmen. Dies wird allerdings nur teilweise gelingen.
 
Auch wenn viel darüber geschrieben wird, dasschinesische Fabriken still stehen, wasder deutschen Industrie scha-det(siehe IKB-Kapitalmark-News28. Februar 2020und 24. Februar 2020):dieglobale unddeutsche Industriepro-duktionwird kurzfristigeineRückkehr zur Normalität anstreben. Gravierender ist, dass Ratschlägeder Behördenund Ansteckungssorgen zu erhöhter Risikoaversion und infolge dessen zu einer Verhaltensänderung in der Bevölkerung führen. Dies wird vor allem Dienstleistungssektoren wie Tourismus, Gastronomie, Veranstalter, Verkehrsunterneh-menund Teile des stationärenEinzelhandelsbeeinflussen. Es ist nicht die Ansteckungsgefahrder produktiven Bevölkerung, sondern ihre Risikoaversion, die von nun an den deutlich größeren Einfluss auf die wirtschaft-liche Entwicklung haben sollte.Es benötigt auch keine massenhaftenInfektionen, um dieses Verhalten zu fördern. Schon vereinzelte Infektionen sowie Empfehlungen der Gesundheitsbehörden reichen aus, um das Risikobewusst-sein und das Verhalten zu verändern. Dies ist gewolltund langfristig vielleicht auch sinnvoll, hat aber negative wirt-schaftliche Konsequenzen insbesondere für Teile desDienstleistungssektorszur Folge.Würde sich der Einfluss des Virus vor allem in der Stilllegung vonFabriken zeigen, wäre mit einem Angebotsschock und damit einem niedrigeren Wachstum und höhererInflation zu rechnen. Ein mögliche Angebotsknappheitwäreaufgrund der angestrebten Normalität vor allemein kurzfristiges Phänomen. Bedeutender wirdessein, dass die Nachfrage nach bestimmtenDienstleistungendeutlich nachlassen wird. So wird sichder weitere Einfluss des Virus IKB-Kapitalmarkt-News –Coronavirusnächster Akt: Risikoaversion belastet Ausblickam meisten28. Februar 2020 in einer nachlassendenNachfrage manifestieren, als in einem beschränktenAngebot, das eher deflationär alsinflationär wirken sollte.
 
ObInflations-oder Deflationstendenzen entstehen:weitere Zinssenkungen scheinen bis auf einen positiven Einfluss auf die Staatsschuldendynamik unangebracht. Investoren-und Konsumvertrauen werdeninfolge der hohen Unsi-cherheit von Zinsen kaum noch positiv beeinflusst.Die Finanzmärkte machen es vor, was Unternehmer-und Konsu-mentenentscheidungen in den kommenden Monaten prägen werden: Risikoaversion. Wenn eine konjunkturelle Stütze notwendig sein sollte, muss diese von derFiskalpolitik kommen. Nur sie hat im aktuellenUmfeld einen aus-reichend schnellen und wirksamenEinfluss auf die Realwirtschaft. Anders ausgedrückt: Auch wenn die Märkte mehr und mehr von einer Zinssenkung ausgehen, ist vor allem die Fiskalpolitik gefragt, um die Risikoeinschätzungen der Realwirtschaft effektiv zu beeinflussen und die Rahmenbedingungen für Konsum undInvestitionen zu stärken. Der Gedanke von Helikoptergeld –wie es aktuell in Hongkong eingeführtwird –wäredie einzig effektive Reaktion vonNotenbanken auf eineeskalierende Panik in der Realwirtschaft.
 
Renditen in den USA undin Deutschland sind infolge der Risikoaversion erneut deutlich gefallen, was dem Goldpreis weiter Auftrieb verliehen hat. Aufgrund derKonjunktursorgen hat der Ölpreis deutlich an Boden verloren. Dies wirddie Inflationsratenin den kommenden Monaten ebenfalls unter Druck setzen. Doch sind die deutlichen Korrekturen auf den weltweiten Aktienmärkten nachvollziehbar? Da die Unsicherheit über das Ausmaß und den Einfluss des Virus großbleibenwird,kann hierüber aktuell nur spekuliert werden. WeilFinanzmärkte die Gewohnheit haben,zu über-treiben und Herdenverhalten zeigen, kann allerdings auch aktuell davon ausgegangen werden, dass der Aktienmarkt nicht nur durch fundamentale Überlegungen getrieben ist. Allerdings bleibt es schwer einzuschätzen, welche Ein-schätzung fundiert ist. So ist jegliche Investitionsentscheidung bezüglichdes DAXspekulativ. Aufmittel-bis langfris-tige Sicht mag die Entwicklunghingegen klarer sein –wenn am mittel-bis langfristigen Wirtschaftsausblick nicht gezweifelt wird. Doch ob alle Firmen den langfristigen Ausblick erreichen werden, davon kannim Falle eineranhal-tenden Rezession in der Industrie kaum ausgegangen werden. Vielleicht liegt hier das größte Risiko: Nach einem Jahr, in demdie Industrieproduktionum4,5 % geschrumpft ist,verzögert sich die Erholung um mindestens einQuartal, wahrscheinlich aber umzwei Quartale. Dies macht die aktuelle Industrierezession nicht nur be-lastenderals in vorigenZyklen, sondernauch bedeutendlänger.Dies ist für das systematische Ausfallrisiko nicht bedeutungslos.
 
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Autor:
IKB Deutsche Industriebank AG
Dr. Klaus Bauknecht
Chefvolkswirt

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