Große Industrieunternehmen führten bereits in den 80er Jahren Betriebsrenten für ihre Mitarbeiter ein

Betriebliche Altersversorgung: Ungenutztes Potenzial

Die betriebliche Altersversorgung hat in Deutschland zwar eine lange Tradition, führt dennoch eher ein Schattendasein. Das soll sich nun dank politischen Rückenwinds ändern. Was denken Deutschlands Vermittler darüber? Hier gibt es die Antwort.

Die betriebliche Altersversorgung (bAV) ist deutlich älter als die gesetzliche Rente. Der älteste Beleg weist auf eine Bergbaubruderschaft im Nordharz anno 1260 hin. Dort wurde soziale Führsorge in finanzieller Form sowohl auf invalide und verarmte Bergleute als auch auf deren Hinterbliebene umgesetzt. Später folgten Seemannskassen in der Schifffahrt und Unterstützungskassen der Eisenbahnverwaltungen im 19. Jahrhundert. Zu dieser Zeit entstanden auch die ersten betrieblichen Versorgungswerke, darunter Krupp und Henschel (1858) oder Siemens (1871).

Während allerdings schon 1889 im Reichstag ein Gesetz über die staatliche Invaliditäts- und Alterssicherung beschlossen wurde, erhielt die bAV erst 1974 eine gesetzliche Verankerung. In den 1980er Jahren wurde es für Beschäftigte von Großunternehmen in der Industrie normal, eine Zusage zu einer Betriebsrente zu erhalten. In Betrieben kleinerer und mittlerer Größe war dies die Ausnahme. Dieser Zustand hat sich in den vergangenen Dekaden nicht wesentlich geändert.

Jeder Arbeitnehmer hat Anspruch auf betriebliche Rentenversicherung

Seit Januar 2002 hat dank der Rentenreform jeder Beschäftigte das Recht auf eine Betriebsrente in Form einer Entgeltumwandlung. Seitdem wird die bAV auch staatlich gefördert. Als zweite Säule neben der staatlichen und der privaten Vorsorge ist sie heute ein wichtiger Baustein der Altersversorgung. Anders als die gesetzliche Rente ist die bAV dem direkten Einfluss der Demografie entzogen und basiert entweder auf einer kapitalmarktorientierten Anlage oder auf der Verwendung von Unternehmensgewinnen.

Das Versorgungsniveau der arbeitgeberfinanzierten bAV macht laut Willis Towers Watson im Median jedoch nur zwischen 4,4 Prozent bis 4,8 Prozent des letzten Grundgehalts aus. Dabei gilt: je größer das Unternehmen, desto höher fällt auch die bAV aus. Und die Branche spielt eine Rolle: Während etwa im Kredit- und Versicherungsgewerbe 81 Prozent der Beschäftigten 2015 über eine Betriebsrente verfügten, sind es laut Daten von Statista im verarbeitenden Gewerbe 63 Prozent, im Gesundheits- und Sozialwesen nur 42 Prozent und im Gastgewerbe sogar nur 20 Prozent. Insgesamt stagnierte die Verbreitung der bAV zuletzt bundesweit bei rund 34 Prozent der Erwerbstätigen.

BRSG soll Arbeitgeber unter die Arme greifen

Es gibt also riesige Unterschiede und eine Unterversorgung. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist seit Jahresbeginn 2018 das Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) in Kraft. „Der Gesetzgeber wollte durch das BRSG und die damit verbundene Möglichkeit der Enthaftung für die Arbeitgeber die Möglichkeit schaffen, in der Niedrigzinsphase kapitalmarktorientiertere Investitionsmöglichkeiten aufseiten der Versicherer zu ermöglichen, sodass höhere Renditen erwirtschaftet werden können“, erläutert Thomas Schiller, Partner des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) ein weiteres Motiv.

Vor dem Hintergrund des Wandels in der bAV hat Pfefferminzia eine Online-Umfrage unter seinen Lesern durchgeführt, um die wichtigsten Aspekte aus Sicht der Vermittler zu eruieren. 321 Vermittler haben unsere Fragen beantwortet. 78 Prozent davon vermitteln regelmäßig eine bAV, der Großteil davon allerdings höchstens einmal im Monat. Nur jeder fünfte Makler schließt bAV-Verträge mehrmals pro Woche ab. Mit Abstand dabei am beliebtesten: die Direktversicherung, die als unkompliziert in der Umsetzung gilt.

Warum war bisher die bAV im Vertrieb nicht erfolgreicher? Als Haupthemmnisse bei den Arbeitgebern gilt ein befürchteter hoher Verwaltungsaufwand. Generelle Sparsamkeit in Personalfragen, zu viel Komplexität und Angst vor Haftungsrisiken waren weitere Gründe für Arbeitgeber, die Einführung einer bAV für ihre Mitarbeiter abzulehnen.

Doch selbst wenn ein Angebot zur Betriebsrente besteht, gehen längst nicht alle Beschäftigten darauf ein. Die Ablehnungsgründe sind keine Lust auf Konsumverzicht (51,9 Prozent) und der Glaube, eine bAV würde sich ohnehin nicht lohnen (44,2 Prozent). Viele der genannten Motive lassen sich durch eine bessere Information von Arbeitnehmern und Arbeitgebern auflösen.

Digitale Plattformen sollen bAV-Prozesse unterstützen

Etwa der Verwaltungsaufwand, denn dafür gibt es umfassende IT-Lösungen am Markt. „Eine digitale Vernetzung ist enorm hilfreich, denn sind sämtliche bAV-Prozesse automatisiert, spart das enorm Zeit und Geld“, sagt Martin Bockelmann, Vorstandsvorsitzender von xbAV. Das Softwarehaus bietet mit dem xbAV-Berater sowohl eine ganzheitliche Vertriebslösung für die digitale und transparente Beratung der bAV, als auch ein anbieterübergreifendes Verwaltungstool für Arbeitgeber.

Schließlich ergeben sich durch die Digitalisierung neue Ansatzpunkte, um die bAV einfach und transparent zu gestalten. „Neben persönlichen Beratungsangeboten werden automatisierte und intelligente Beratungsprozesse über neue digitale Plattformen sehr wichtig sein. Diese sollten leistungsfähige Administrations- und Kundenportale einbeziehen“, sagt Lars Golatka, Leiter Geschäftsbereich betriebliche Altersversorgung der Zurich. Seit 2002 bietet Zurich mit der Deutschen Bank über das Gemeinschaftsunternehmen Deutscher Pensionsfonds kapitalmarktorientierte bAV-Lösungen für die Auslagerung von Direktzusagen an. Die Durchführungswege Direktversicherung, Unterstützungskasse und Pensionsfonds werden von Zurich bedient – der Versicherer gehört auch zu den ersten, die ein Sozialpartnermodell nach Vorgaben des BRSG angekündigt haben.

Vermittlerumfrage: Wie sieht ein gutes bAV-Produkt aus?

Ein weiterer neuer Förderfaktor durch das BRSG ist die gesetzliche Verpflichtung der Arbeitgeber, einen Zuschuss von 15 Prozent auf den umgewandelten Betrag zu zahlen, wenn sie Sozialversicherungsbeiträge sparen. Wir haben Makler gefragt, welche Zuschusshöhen bisher üblich sind. Ergebnis: Bei 16 Prozent wird kein Zuschuss vereinbart, knapp ein Viertel gewährt 15 Prozent, und der Rest war bereits bisher bereit, höhere Zuschüsse zu gewähren. „Wir raten unseren Vertriebspartnern zu einem Vielfachen an Arbeitgeberzuschuss“, sagt Hubertus Mund, Geschäftsführer des Versorgungswerks Klinik-Rente. „Wenn Sie den Arbeitgebern den überschaubaren Mehraufwand zeigen, sind viele bereit, auch wesentlich mehr für ihre Beschäftigten zu bezahlen.“

Die Zielgruppe hat klare Vorstellungen, wie ein optimales bAV-Produkt aussehen sollte. Faktoren wie Sicherheit (64,1 Prozent), Flexibilität (54,5 Prozent) und eine gute Verzinsung (51,9 Prozent) werden von Vermittlern am häufigsten genannt, wenn sie nach den Wünschen ihrer Kunden gefragt werden. Für Makler selbst stehen Alleinstellungsmerkmale an erster Stelle bei der Produktauswahl. 72,4 Prozent wünschen sich finanzielle Vorteile für Kunden, die keine andere Lösung bietet. Entsprechend entwickelt die Assekuranz neue Produktkonzepte.

HDI etwa hat ein Cashback-System gestaltet, mit dem Arbeitgeber ihre Mitarbeiter beim Aufbau einer Betriebsrente unterstützen können. Der Beschäftigte erhält eine Prepaid-Kreditkarte, die der Chef monatlich mit einem fixen Betrag von beispielsweise 40 Euro auflädt. Dieser Zuschuss kann den Vorsorgeaufwand des Mitarbeiters größtenteils kompensieren. „Der tatsächliche Netto-Sparbeitrag des Arbeitnehmers beträgt in diesem Beispiel rund 10 Euro – und das für insgesamt 115 Euro, die jeden Monat in seine bAV fließen“, rechnet Fabian von Löbbecke, Vorstandsvorsitzender von Talanx Pensionsmanagement und verantwortlich für bAV bei HDI, ein Beispiel aus der Praxis vor.

Indexprodukte Bestandteil von bAV-Konzepten

Bei den Produkttrends nennen die befragten Vermittler nach fondsgebundenen Rentenversicherungen mit Beitragsgarantien verschiedene Klassen von Indexprodukten. Diese finden sich daher als Bestandteil moderner bAV-Produkte wieder, zum Beispiel bei der Relax bAVRente Comfort Plus von AXA. Hier wird eine Bruttobeitragsgarantie zum Ende der vereinbarten Vertragslaufzeit mit einem attraktiven Renditebaustein verbunden, der sich aus zwei Komponenten zusammensetzt: dem „Sondervermögen Plus“ und der risikolosen Beteiligung an einem Index, der von BNP Paribas nach den Vorgaben von AXA gemanagt wird.

Ob es zu einem Aufschwung in der bAV kommt, ist nicht nur von Fördermöglichkeiten abhängig. Solange es keine Verpflichtung gibt, muss letztlich jeder Arbeitnehmer selbst aktiv werden. Innovative Konzepte und verständliche Informationen seitens der Produktgeber und Vermittler helfen, den Stellenwert der bAV signifikant zu erhöhen.

Vielen Dank an die Pfefferminzia